Der Schweizer an sich ist ruhig, bedacht und friedlich - von bösen Zungen fälschlicherweise als langsam interpretiert und belacht (kaum wollte ich mich bücken, husch, husch, war die Schnecke weg...). Äußert er seine Meinung, ist sie wohl durchdacht. Meistens. Mit Ausnahme vielleicht von einem gewissen Volksentscheid bezüglich des Baus von Minaretten. Völlig überrumpelt von den vielen und sehr gegensätzlichen Reaktionen des Auslands, die man nun gar nicht so eingeplant hatte, lenkte man in den Medien schnell wieder mit wichtigeren Themen ab, z.B. mit der Auslosung zur WM 2010: mit Ausnahme des als "sehr stark" erkannten Gruppengegners Spanien lehnt man sich bezüglich Chile und Honduras im Bild-Zeitungs-Äquivalent Blick gerne mal mit der Schlagzeile "Aus euch machen wir Salsa" aus dem Fenster.
Abgesehen von diesen kleinen Ausrutschern ist der Schweizer wirklich ruhig, bedacht und friedlich. Und ordentlich und pünktlich. Böse Zungen könnten dies fälschlicherweise als pingelig und unflexibel interpretieren. Gut, es kann schon mal passieren, daß einen der Wohnungsnachbar völlig überrumpelt anschaut, wenn man ihm spontan anbietet, beim Hochtragen seiner Einkäufe aus dem Auto in den 4. Stock zu helfen und sich zwei der drei Tüten schnappt. Völlig überrumpelt war allerdings auch ich, als er 15 min später klingelte um sich zu bedanken. Aber - ein dreifach Hoch der SBB - nach den Zügen kann man wirklich die Uhr stellen. Vermutlich wird die Atomuhr regelmäßig mit Hilfe des Schweizer Zugfahrplans justiert. Verspätungen - die allerhöchstens in Verbindung mit deutschen, italienischen, österreichischen oder französischen Zügen vorkommen - werden auf die Minute genau angezeigt. Allerdings wird auch nie ein Grund für die Verspätung genannt – vermutlich genügt die Tatsache, daß ein ausländischer Zug involviert ist – da ist die Deutsche Bahn AG durchaus kreativer. Es gibt einen ICE, der sonntags um (theoretisch) 18.44 Uhr von Mannheim nach Zürich fährt. Jedes Mal, wenn ich ihn nehmen möchte, hat er laut Anzeigetafel und Ansage 10 min Verspätung, in wirklicher Zeit waren es bisher zwischen 12 und 40 Minuten. Aber jedes Mal ist der Grund ein anderer (von Gleisarbeiten über Unfälle, Triebwerksschäden, bis hin zu vereisten Schienen und dem Warten auf andere Züge). Vermutlich dreht Lilo Lottofee jeden Morgen bei der Deutschen Bahn das Glücksrad, um den "Verspätungsgrund des Tages" zu ermitteln. Und es ist ein großes Glücksrad...
Zu der Schweizer Mundart ist ja schon einiges geschrieben worden, nicht zuletzt von Bastian Sick in seiner Kolumne "Schweizgebadet" (wachte ich auf) (http://www.kolumnen.de/kolumnen/sick/sick-240807.html). Soweit war ich also vorgewarnt, als eine Laborantin auf die Frage, ob sie zum Mittagessen mitkäme, antwortete: "Ja, mol, ich muß noch schnell ein Telefon machen." Zack, 30 Sekunden später war sie da (MacGyver wäre wirklich stolz auf diese technikbegabten Schweizer, nicht nur wegen ihrer Taschenmesser). Verwirrter war ich dann schon, als auf mein "Gesundheit!" die Antwort "danke, gleichfalls" kam, mir mein Judotrainer mitten beim Wurf zurief, "drülle, drülle!" (und "drehen" meinte), und im Labor eines Tages eine etwas nervöse Dame vor der Tür stand und mir erklärte: "I han geschta sölln cho fürd Brünzli, aber i han vergessa." (oder so ähnlich) Sie hat den gestrigen Termin zur Urinabgabe also verschwitzt. Aha. Immer noch komplett verwirren tut mich das überflüssige "oder" am Satzende.
Normalerweise möchte man den geneigten Zuhörer mit einem wohl plazierten rhetorischen "oder?" irgendwie ansprechen, oder aufwecken, gar eine Stellungnahme fordern oder zumindest Zustimmung erhaschen, oder? Dachte ich anfangs auch und habe immer brav genickt oder mit einem "mhmmm" geantwortet. Bis dann eine (keinesfalls demente) Kollegin beim Mittagessen ein Gespräch begann mit "Der Walter Frischknecht, das ist mein Mann, oder?". Noch bevor ich automatisch "uhumm" antworten konnte, schoß mir durch den Kopf "Moment, das fragst du mich?! Wenn du das nicht weißt, wer dann?!?" Und dann wurde mir schlagartig klar: Das Ostschweizer "oder" am Satzende ist nicht rhetorisch. Es ist einfach nur da (und die Leute merken nicht einmal, wie oft sie es benutzen). Und wenn ihr mal ins schöne St. Gallen (wir haben hier sogar einen Fußballclub mit Cheerleadern!) kommen, in den Ausgang gehen und eine Stange oder einen Kübel oder 5 Dezi Schörli ziehen und ein Poulet essen wollt, dann macht mir einfach schnell ein Telefon, oder?



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