Dienstag, 16. März 2010

Aus dem Leben gegriffen

Polizei- und Arztprotokolle wurden erfunden, um Leuten wie mir die Arbeit zu erleichtern. Würden sich alle Beschuldigten einfach konsequent in Schweigen hüllen, dann könnten wir uns im Labor totsuchen, und würden trotzdem einige Substanzen nur schwerlich finden, wenn überhaupt. Aber nein, die meisten Befragten geben offensichtlich bereitwillig Auskunft, wann genau sie wieviel von welchen Drogen, Medikamenten und alkoholischen Getränken zu sich genommen haben, da muß man die Liste dann nur noch abarbeiten und einen hübschen Bericht schreiben.
Aber manchmal können besagte Protokolle einem nicht nur behilflich, sondern dabei auch noch in hohem Maße unterhaltsam sein, vor allem, wenn die teilweise sehr detaillierten Polizeibefragungen beigefügt sind. Selbstverständlich möchte ich euch einige Highlights nicht vorenthalten - ich liebe meine Arbeit (vor allem in Momenten wie diesen):


- Nehmen Sie Drogen oder Medikamente? - "Keine Drogen. Nur etwas Pflanzliches zum Einschlafen" (Cannabis in Blut und Urin positiv)
 
- Wie kamen Sie zu dem Auto? - "Ja, das frage ich mich auch." 
 
- Haben Sie ein Alkoholproblem? - "Mein Therapeut sagt, ich hätte ein Alkoholproblem, ich hingegen würde es eher als einen chronischen Alkoholmißbrauch bezeichnen." (na, dann ist ja alles bestens)

 
- Sie sind ohne den Blinker zu setzen aus dem Kreisverkehr gefahren und haben die 2 km bis zur Unfallstelle unter Mitbenutzung der Gegenfahrbahn zurückgelegt. Was sagen Sie dazu? - "Ich kann mich nicht erinnern, aber das glaube ich Ihnen sofort."

 
- Wie war der Zustand von Frau X. als Sie zu ihr ins Auto stiegen? - "Also, daß Frau X. keinen Führerausweis besitzt, wissen Sie ja schon. Und aufgrund des getrunkenen Alkohols war sie auch sowieso schon nicht mehr fahrfähig." (aha, dann hat Sie wohl der Autopilot heimgebracht)

 
- "Ich wollte nach links abbiegen und dachte, da sei eine Lücke. Aber es war wohl gar keine Lücke, sondern ein Auto. Und da bin ich dann reingefahren." (echt heimtückisch, diese fiesen Lücken, die gar keine sind)

 
- "Cocain anläßlich eines Familienfestes probiert" (Bei uns wird immer nur gegessen... ich hab die falsche Familie...)

 
- "Ich fühlte mich zu 90% fahrfähig" (alles klar, dann nehmen wir von der Promillezahl einfach auch nur 90%, oder?)

 
- Können Sie die Männer beschreiben, von denen Sie die Drogen haben? - "Es waren drei Männer, und der mit dem Känguruhkostüm hat mir die Drogen gegeben." (die Graubündner Polizei fahndet seither intensivst nach einem dealenden Känguruh)

Samstag, 30. Januar 2010

Der Schweizer

Der Schweizer an sich ist ruhig, bedacht und friedlich - von bösen Zungen fälschlicherweise als langsam interpretiert und belacht (kaum wollte ich mich bücken, husch, husch, war die Schnecke weg...). Äußert er seine Meinung, ist sie wohl durchdacht. Meistens. Mit Ausnahme vielleicht von einem gewissen Volksentscheid bezüglich des Baus von Minaretten. Völlig überrumpelt von den vielen und sehr gegensätzlichen Reaktionen des Auslands, die man nun gar nicht so eingeplant hatte, lenkte man in den Medien schnell wieder mit wichtigeren Themen ab, z.B. mit der Auslosung zur WM 2010: mit Ausnahme des als "sehr stark" erkannten Gruppengegners Spanien lehnt man sich bezüglich Chile und Honduras im Bild-Zeitungs-Äquivalent Blick gerne mal mit der Schlagzeile "Aus euch machen wir Salsa" aus dem Fenster.
Abgesehen von diesen kleinen Ausrutschern ist der Schweizer wirklich ruhig, bedacht und friedlich. Und ordentlich und pünktlich. Böse Zungen könnten dies fälschlicherweise als pingelig und unflexibel interpretieren. Gut, es kann schon mal passieren, daß einen der Wohnungsnachbar völlig überrumpelt anschaut, wenn man ihm spontan anbietet, beim Hochtragen seiner Einkäufe aus dem Auto in den 4. Stock zu helfen und sich zwei der drei Tüten schnappt. Völlig überrumpelt war allerdings auch ich, als er 15 min später klingelte um sich zu bedanken. Aber - ein dreifach Hoch der SBB - nach den Zügen kann man wirklich die Uhr stellen. Vermutlich wird die Atomuhr regelmäßig mit Hilfe des Schweizer Zugfahrplans justiert. Verspätungen - die allerhöchstens in Verbindung mit deutschen, italienischen, österreichischen oder französischen Zügen vorkommen - werden auf die Minute genau angezeigt. Allerdings wird auch nie ein Grund für die Verspätung genannt – vermutlich genügt die Tatsache, daß ein ausländischer Zug involviert ist – da ist die Deutsche Bahn AG durchaus kreativer. Es gibt einen ICE, der sonntags um (theoretisch) 18.44 Uhr von Mannheim nach Zürich fährt. Jedes Mal, wenn ich ihn nehmen möchte, hat er laut Anzeigetafel und Ansage 10 min Verspätung, in wirklicher Zeit waren es bisher zwischen 12 und 40 Minuten. Aber jedes Mal ist der Grund ein anderer (von Gleisarbeiten über Unfälle, Triebwerksschäden, bis hin zu vereisten Schienen und dem Warten auf andere Züge). Vermutlich dreht Lilo Lottofee jeden Morgen bei der Deutschen Bahn das Glücksrad, um den "Verspätungsgrund des Tages" zu ermitteln. Und es ist ein großes Glücksrad...
Zu der Schweizer Mundart ist ja schon einiges geschrieben worden, nicht zuletzt von Bastian Sick in seiner Kolumne "Schweizgebadet" (wachte ich auf) (http://www.kolumnen.de/kolumnen/sick/sick-240807.html). Soweit war ich also vorgewarnt, als eine Laborantin auf die Frage, ob sie zum Mittagessen mitkäme, antwortete: "Ja, mol, ich muß noch schnell ein Telefon machen." Zack, 30 Sekunden später war sie da (MacGyver wäre wirklich stolz auf diese technikbegabten Schweizer, nicht nur wegen ihrer Taschenmesser). Verwirrter war ich dann schon, als auf mein "Gesundheit!" die Antwort "danke, gleichfalls" kam, mir mein Judotrainer mitten beim Wurf zurief, "drülle, drülle!" (und "drehen" meinte), und im Labor eines Tages eine etwas nervöse Dame vor der Tür stand und mir erklärte: "I han geschta sölln cho fürd Brünzli, aber i han vergessa." (oder so ähnlich) Sie hat den gestrigen Termin zur Urinabgabe also verschwitzt. Aha. Immer noch komplett verwirren tut mich das überflüssige "oder" am Satzende. 
Normalerweise möchte man den geneigten Zuhörer mit einem wohl plazierten rhetorischen "oder?" irgendwie ansprechen, oder aufwecken, gar eine Stellungnahme fordern oder zumindest Zustimmung erhaschen, oder? Dachte ich anfangs auch und habe immer brav genickt oder mit einem "mhmmm" geantwortet. Bis dann eine (keinesfalls demente) Kollegin beim Mittagessen ein Gespräch begann mit "Der Walter Frischknecht, das ist mein Mann, oder?". Noch bevor ich automatisch "uhumm" antworten konnte, schoß mir durch den Kopf "Moment, das fragst du mich?! Wenn du das nicht weißt, wer dann?!?" Und dann wurde mir schlagartig klar: Das Ostschweizer "oder" am Satzende ist nicht rhetorisch. Es ist einfach nur da (und die Leute merken nicht einmal, wie oft sie es benutzen).
Und wenn ihr mal ins schöne St. Gallen (wir haben hier sogar einen Fußballclub mit Cheerleadern!) kommen, in den Ausgang gehen und eine Stange oder einen Kübel oder 5 Dezi Schörli ziehen und ein Poulet essen wollt, dann macht mir einfach schnell ein Telefon, oder?

Donnerstag, 26. November 2009

Flora

Meine neue Heldin heißt Flora. Flora kommt aus der Ostschweiz, aus Herisau, und ist das perfekte Beispiel dafür, daß man trotz ländlicher Umgebung und teilweise nicht optimal ausgebauter Infrastruktur Beruf, wettbewerbslastigen Hochleistungssport und Familie durchaus unter einen Hut bringen kann. Flora leistet im Beruf Beachtliches und gehört in der Schweiz zu den Top Vertreterinnen ihrer Branche. Außerdem hat Flora schon 10 Kinder in die Welt gesetzt und liebevoll aufgezogen, davon zweimal Zwillinge, und das ohne große Einschränkungen bezüglich ihres Berufs- oder Leistungssportlebens hinnehmen zu müssen. Die Kinder haben sie nicht etwa daran gehindert, sondern ihr vielmehr noch geholfen, sich in den letzten 10 Jahren beruflich  konstant weiterzuentwickeln.


MacGyver, mein bisher unangefochtener Held, konnte ja schon in jeder denkbaren  ausweglos scheinenden Situation seinen Hintern am Ende doch noch optimal retten (evtl. sogar in der auf meinem T-Shirt :-), aber nicht mit 10 Kindern. Das hätte wohl selbst bei ihm zu einem Nervenzusammenbruch und dem Ende seiner beruflichen Karriere geführt. Flora hingegen gibt wirklich alles - vor allem aber gibt sie Milch. 7500 kg pro Jahr, um genau zu sein. Schon allein das wäre ein Grund, sie als Ehrengast und würdevolle Repräsentantin der Gattung Holsteiner Fleckvieh auf die OLMA, die Ostschweizer Landwirtschafts- und Maschinenausstellung (sprich, der St. Galler Maimarkt und Großereignis hier in der Gegend), einzuladen und wichtigen Leuten  zu präsentieren. Doch neben tadelloser Erfüllung ihrer Pflicht als Milchkuh glänzt Flora auch in ihrem leistungssportlichen Hobby, dem Rennsport. Gesponsort vom Rennstall Red Bull und mit einer eleganten Reiterin, die vermutlich auch ihre Besitzerin ist, auf dem Rücken entschied sie souverän sowohl den Vorlauf als auch das Finale des jährlichen OLMA Kuhrennens für sich (hier gibts das Video vom Finale). Und im Gegensatz zu ihren tierischen Kollegen aus dem Schweinerennen hat sie auch nicht zu befürchten, in ein paar Monaten als Schnitzel in einer Schweizer Bratpfanne zu landen. Nein, ganz im Gegenteil. Vermutlich wird sich Flora noch weitere 10 Jahre eines ruhigen frischluftlastigen Weidelebens erfreuen, hin und wieder den ein oder anderen Nachwuchs in die Welt setzen und mit regelmäßiger Teilnahme an Wettkämpfen Besitzerin, Rennstall und dem Örtchen Herisau zu Ruhm und Ehre verhelfen.
Und vielleicht kann sich MacGyver, aufgrund des Mauerfalls seit 20 Jahren arbeitslos und sicherlich ganz furchtbar gelangweilt, ein neues Hobby zulegen und sich der Nachwuchsförderung von Rennkühen widmen - und täglich mit einer sorgsam ausgewogenen Mischung aus Kuhfladen, etwas Waschpulver, heißem Öl und einem Chinaböller die Schläuche der Melkmaschine in Sekundenschnelle von Kalk und Fett befreien.



Freitag, 28. August 2009

My big fat Greek project meeting

Hellas! An dieser Stelle möchte ich allen Vegetariern, die sich derzeit in Griechenland aufhalten, mein tiefstes Mitgefühl aussprechen. Und entschuldigt, daß das Thema schon wieder aufgewärmt wird, wo es doch im vorletzten Beitrag eigentlich schon gegessen war...

Das griechische Wort für Vegetarier (χορτοφάγοσ) bedeutet soviel wie "Grünfresser", wobei "grün" auch mit "Gras", "Unkraut", "Gemüse" und "Rasen" übersetzt werden kann. Wenn man in einem Land noch weniger Verständnis für das ich-esse-keine-toten-Tiere-Konzept hat als in Spanien, dann definitiv dort. Eine Mahlzeit ohne Fleisch oder Fisch macht prinzipiell nicht satt und kann somit nicht als Mahlzeit gezählt werden.
Überhaupt unterscheiden sich
Griechenland und Spanien wenig - die Sprache klingt ähnlich (und verwirrt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich überzeugt bin, irgendetwas verstehen zu müssen), die Lautstärke ist vergleichbar, die Fußballbegeisterung ebenso grenzenlos, die Kinder wohnen bis zur Hochzeit bei Mama und lassen sich verwöhnen (und Mama ist stinkbeleidigt, wenn sie das dann nicht mehr darf), das Leben spielt sich hauptsächlich im Freien ab - außer während der Mittagsschlafzeit - jeden Sommer gibt es ein paar größere Waldbrände, und sogar das Englisch hat denselben Akzent. Soweit mein erster spontaner Eindruck nach fünf viel zu kurzen Tagen in Thessaloniki auf einem Arbeitsgruppentreffen meines EU-finanzierten Drittmittelprojekts.

Aber zurück zum Essen. Es ist ja gar nicht so, daß es in Griechenland kein vegetarisches Essen gibt, ganz im Gegenteil. Es gibt so viele köstliche fleisch- und fischlose Gerichte, daß mir jetzt noch das Wasser im Mund zusammenläuft und sich meine Hose merkwürdig eng anfühlt. Lediglich mit der Definition von "fleisch- und fischlos" gibt es hin und wieder Mißverständnisse, wie schon in einer sehr typischen Szene des (hinreißend komischen) Films "My big fat Greek wedding" erwähnt wurde: 
- "Aber, Tante Voula, Ian ist Vegetarier, er ißt kein Fleisch." - "Was, er ißt kein Fleisch? [entsetztes Schweigen im ganzen Raum] ... Na, kein Problem, dann mache ich halt Lamm."

Gleich nach unserer Ankunft im 5-Sterne Beach Ressort and Spa auf Chalkidiki (mit eigenem Jachthafen) gab es Mittagessen; das Menü war allerdings aufgrund der Finanzkrise auf drei Gänge reduziert worden.
Ja, auch die EU muß hin und wieder den Gürtel (ihrer Forscher) enger schnallen. Unsere griechische Koordinatorin hatte den zuständigen Oberkellner schon darauf hingewiesen, daß Wendy aus Maastricht eine Schweinefleischallergie habe, und es eine deutsche Vegetarierin unter den Teilnehmern gäbe. Kein Problem, antwortete der Kellner in makellosem Englisch, das Mittagessen sei ohnehin komplett vegetarisch. Überrascht von dieser Ankündigung (und zugegebenermaßen etwas skeptisch), erkundigte ich mich nach den Details. Als ersten Gang gäbe es einen Salat mit Hackfleischbällchen, danach ein Putensteak mit Gemüse, gefolgt von Nachtisch und Kaffee. Aha. Zögernd fragte ich nach einem Salat ohne Hackfleischbällchen und einem Gemüseteller ohne Pute. Auf das entsetzte Gesicht des Kellners hin, räumte ich ein, er könne die Pute auch einfach durch z.B. Kartoffeln mit Sauce ersetzen lassen. Gesagt, getan, und alles bestens.

Als Wendy und ich später in T-Shirt, kurzer Hose und Flip-Flops zum Abendessen erschienen (Wendys Doktorvater wurde im gleichen Outfit übrigens kurzerhand zum Umziehen auf sein Zimmer geschickt und erschien kurze Zeit später wieder mit Anzug und Krawatte), kündigte unser Lieblingskellner freudestrahlend an, auch das Abendessen sei komplett vegetarisch: Es gäbe einen Salat mit Meeresfrüchten, danach Fisch und, wie immer, Nachtisch und Kaffee. Meinen sprachlosen Blick erwiderte er mit: "Fisch essen Sie doch, oder? Fisch ist kein Fleisch. Fisch ist komplett vegetarisch. Alle Vegetarier essen Fisch." Ich gab auf, nickte und aß Fisch. Er schmeckte ziemlich fischig. Nichts, was man mit einer entsprechenden Menge an hervorragendem griechischen Wein nicht geschmacklich überdecken kann. Die drei Riesengarnelen des Salats wurden allerdings geschält und meistbietend am Tisch versteigert.
Am nächsten Tag beim Mittagessen - selbstverständlich ebenfalls komplett vegetarisch - wurde ich schon gar nicht mehr gefragt, ob ich Lachs esse oder nicht. Bis auf den bereits erwähnten Fischgeschmack war er recht lecker. Unsere griechische Koordinatorin fragte mich stirnrunzelnd, seit wann ich denn Fisch äße - hm, seit gestern Abend? - und war nur mit viel Mühe davon abzuhalten, den Kellner auf griechisch und laut zur komplett vegetarischen Schnecke zu machen.

Abends nach unserer Rückkehr nach Thessaloniki habe ich mir dann erstmal ein ganzes Kilo komplett vegetarische Kirschen (wurmfrei!), einen komplett vegetarischen gerösteten Maiskolben mit Salz und eine komplett vegetarische griechische Nachspeise gegönnt. Und natürlich einen komplett vegetarischen griechischen eisgekühlten Frappé - den mit Abstand besten Kaffee der Welt.

Nächstes Wochenende werde ich übrigens auf einer spanischen Hochzeit ein ebenfalls komplett vegetarisches Menü essen - natürlich mit Fisch als zweitem Gang. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muß vorher noch schnell ein wenig Ouzo trinken, Sirtaki tanzen, ein komplett vegetarisches Menü in Form eines mit Hackfleischbällchen gefüllten Lamm-Cordon Bleus mit einem Putenbrustsalat und einem Krabben-Lachs-Cocktail verspeisen und ein Care-Paket mit ein paar Tofu-Eulen zu meinen Leidensgenossen nach Athen tragen.

Samstag, 22. August 2009

Der Affenbrotbaum

Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich ein ungewöhnliches Geschenk, vielleicht das ungewöhnlichste, das ich bisher bekommen habe. Es war ein kleines unscheinbares Stück Holz, eher ein kleiner Ast, verpackt in eine bunt bedruckte Stoffhülle, aus dem Eine-Welt-Laden in Tübingen, fair gehandelt und direkt aus einer Baumschule aus dem Senegal (danke an Doro und Sascha!). Nach einigen Wirren entpuppte sich das ganze als ein Affenbrotbaum-Setzling, den man in Erde pflanzen soll, auf daß er wachse und gedeihe. In der Pflegeanleitung stand folgendes: "Umtopfen. Benötigt viel Licht. Großzügig gießen, aber zwischen dem Gießen erst die Erde trocknen lassen. Auch gießen, wenn der Affenbrotbaum seine Blätter verliert." Letzteres ließ mich dann schon wieder etwas kritisch werden, überzeugt, daß in meinem Pflanzentodesstreifen der kleine Baum seine Blätter - sofern er jemals welche kriegen sollte - sicherlich ziemlich schnell auf Nimmerwiedersehen abwerfen würde. Pessimistisch suchte ich etwas Blumenerde, pflanzte den Baobab ein, goß ihn hin und wieder, ließ zwischendurch brav die Erde trocknen und wartete. Es tat sich - absolut nichts.
Anfang Juli beschloß ich, gnädigerweise noch bis Weihnachten zu warten, bevor ich nachschaute, ob er überhaupt Wurzeln bekommen hatte, um ihn im gegenteiligen Fall umgehend auf den Komposthaufen zu entsorgen.

Desweiteren las ich in der kleinen Begleitbroschüre: "Der Affenbrotbaum ist der Baum des langen Lebens und kann viele Generationen begleiten. In seinem Schatten trifft man sich, um miteinander zu reden. Sein hohes Alter macht ihn zum Zeitgenossen der Weisen und Propheten vergangener Zeiten. Die Kraft derer, heißt es, die unter dem Bau
m gesessen haben, geht auf alle folgenden Besucher über." Nun, dann würde meiner wohl der erste Baobab werden, der nach einem kurzen und völlig unspektakulären Dasein und ohne einen einzigen Schatten geworfen zu haben, das Zeitliche segnete.

Affenbrotbäume sind sowieso blöd, s
ogar gefährlich, der "Kleine Prinz" warnt wiederholt vor ihnen und ihrem - haha - schier unaufhaltsamen Wachstum. In Kapitel 5 heißt es:
"Auf dem Planeten des kleinen Prinzen gab es fürchterliche Samen... und das waren die Samen der Affenbrotbäume. [...] 'einen Affenbrotbaum kann man, wenn man ihn zu spät angeht, nie mehr loswerden. Er bemächtigt sich des ganzen Planeten. Zuweilen macht es ja wohl nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später verschiebt. Aber wenn es sich um Affenbrotbäume handelt, führt das stets zur Katastrophe. Ich habe einen Planeten gekannt, den ein Faulpelz bewohnte. Er hatte drei Sträucher übersehen...' [...] Ich nehme nicht gerne den Tonfall eines Moralisten an. Aber die Gefährlichkeit der Affenbrotbäume ist so wenig bekannt, [...] daß ich für dieses eine Mal aus meiner Zurückhaltung heraustrete. Ich sage: Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume! Um meine Freunde auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die - unerkannt - ihnen wie mir seit langem droht, habe ich so viel an dieser Zeichnung gearbeitet."

Also, vielleicht doch gleich entsorgen, lieber früher als später?! Das ging dann auch nicht, schließlich war es ein Geburtstagsgeschenk...


Dann wurde es allerdings richtig warm, und zwei Wochen später glaubte ich, ein paar kleine Blattknospen erkennen zu können (reines Wunschdenken, natürlich). Ein paar Tage später wurden tatsächlich ein paar kleine Blätter sichtbar, und ab dann ging es rapide aufwärts. Innerhalb von drei Tagen hatten sich Größe und Anzahl der Blätter verdoppelt, und vier Wochen später glich das Pflänzlein schon einem richtigen Baum. Mittlerweile bin ich begeistert, täglich aufs Neue, denn mein kleiner Baobab wächst und wächst und wächst und wächst, bekommt viele neue Blätter und fühlt sich richtig wohl. Vielleicht wäre dies ein guter Zeitpunkt, um das äußerst gefährliche Gewächs mitsamt Wurzeln auszureißen - aber leider ist mir der Kleine auch schon ziemlich ans Herz gewachsen...

Wenn mich jemand sucht, ich liege in seinem Schatten, lasse Kraft und Weisheit auf mich übergehen, verschiebe meine Arbeit auf später und warte auf die ersten Blüten (in etwa 8-10 Jahren sind sie da - sagt Wikipedia).

Dienstag, 28. April 2009

Vegetarier auf Reisen

Seit fast 13 Jahren esse ich kein Fleisch und kein Fisch mehr, ursprünglich aufgrund einer ziemlich sinnbefreiten Wette mit meiner Schwester. Mittlerweile ist es mehr als alles andere Gewöhnung, und die paar Gelegenheiten, bei denen ich (aus Versehen, aus Höflichkeit oder aus purer Faulheit) Fleisch gegessen habe, schmeckte es vor allem salzig, konnte aber den Gesamteindruck der Mahlzeit nicht signifikant verbessern. Es gibt also eigentlich keinen Grund, wieder mit der bewussten Aufnahme von Fleisch oder Fisch anzufangen, solange mich meine persönlichen Vampire regelmäßig nach dem Blutspenden mit Eisentabletten versorgen, um den unterirdischen Hämatokritwert wieder aufzupäppeln (immer verbunden mit „Ohje, immer noch fleischlos?“).
Hin und wieder begebe ich mich auf die schwierige (und bisweilen auch etwas nervige) Mission, Leuten (vor allem Spaniern) zu erklären und bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft zu wiederholen, dass und warum man freiwillig und ohne offensichtlichen Grund auf so leckere, gesunde, schmackhafte und wichtige Nahrungsmittel wie Chorizo, Speck, Schinken, Fisch, Bratwurst, Schnitzel und Steak verzichtet, wo man alles doch früher so gern gegessen hat. Gegenargumente wie BSE, Schweine- und Geflügelpest, Vogel- und Schweinegrippe, Schaf-Scrapie, Klon-Kühe und Antibiotika im Fleisch und PCBs und Schwermetalle in Fisch haben sich so langsam ausargumentiert – gibt es doch mittlerweile Pflanzenschutzmittel jeglicher Art und gentechnisch verändertes Gemüse, und Tofu, der nach nichts schmeckt (bzw. höchstens nach der Sauce, in der man ihn gebraten hat) und bei dem man außerdem gar nicht wissen will, was da alles reingepanscht wurde.
Auf der bereits erwähnten Konferenz in Goslar gab es beim gemütlichen Get-Together am ersten Abend blechweise Häppchen, neudeutsch Fingerfood. Der vegetarische Anteil der ersten Lieferung, Trauben-Käse-Spießchen und Gemüsestreifen in Joghurt-Dip, betrug in etwa 10% der Gesamtmenge und war in Rekordzeit verschwunden, nachdem ich heldenhaft etwa drei von jedem ergattert hatte. Das nachfolgende zweite Blech konnte an Vegetarischem etwa 15 Chips mit einem Klecks Salsa aufweisen, die wiederum ich in Rekordzeit verschwinden ließ. Übrig blieben Würstchen mit und ohne Blätterteig, Fischhäppchen, Minischnitzel, Frikadellen und Kassler. Und nicht zu vergessen mein lauthals knurrender Magen, der fast Prof. Eisenmenger aus München beim Erzählen von Anekdoten aus seiner bewegten Rechtsmedizinerkarriere übertönte. Aus Höflichkeit und Interesse entfiel die Option des Schnell-noch-nen-Fleischlosdöner-reinziehens, so befand ich mich in einer ziemlich blöden Zwickmühle: Hungern oder Fleisch essen (Fisch und Würstchen hatte ich bereits im Vorfeld ausgeschlossen). Nach dem nächsten Magenknurren griff ich beherzt nach einem Stück Kassler. Es schmeckte genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Nur salziger. Nach dem vierten Stück Kassler hatte sich mein Magen Gott sei Dank wieder beruhigt und mir wurde latent schlecht, so dass ich den Fleischexzess umgehend bis auf weiteres einstellte.
Die nächste Herausforderung kam dann mit dem Flug in den Urlaub, wo kurz vor der Landung in Chicago das leckere United Airlines Frühstück angekündigt wurde. Mit einem leichten Würgereiz erinnerte mich mein Magen an den fettigen bappsüßen Donut vom letzten Mal. Doch überraschenderweise hatte sich UA dazu entschlossen, sein Frühstück etwas gesünder zu gestalten: ein Schokoriegel, eine Packung Chips und ein eingepacktes labberiges Brötchen mit einer labberigen Scheibe Schinken und einer labberigen Scheibe Käse. Yummie! Kurzerhand wies ich die freundliche Flugbegleiterin darauf hin, dass für mich ein vegetarisches Essen bestellt war. Unverzüglich wurde das verpackte Brötchen durch eine weitere Packung Chips ersetzt. Als ich noch überlegte, welches wohl nun das kleinere Übel war, entdeckte meine Nachbarin, dass das Brötchen bereits am 18.2. verpackt worden war, und wir rätselten eine Weile, wo es sich wohl die letzten 6 Wochen herumgetrieben hatte. Kurze Zeit später fiel ihr auf, dass besagtes Brötchen auch noch bis zum 18. September haltbar gewesen wäre – und schlug drei Kreuze, dass sie es schon im April essen durfte und nicht erst im August. Danke, United!
Auf dem Rückflug hingegen hielt Lufthansa ein laktosefreies Abendessen für mich bereit: Hühnchen mit Reis, statt Nudeln mit Tomatensauce wie für den ganzen Rest des Flugzeugs. Liebe Lufthansa: Ovo-lacto-Vegetarier hat nicht wirklich was mit laktosefrei zu tun, schlagt’s nach. Nach kurzer Beschwerde und Erklärung wurde mein Essen aber umgehend umgetauscht. Danke, Lufthansa, geht doch!
In Iowa hat mir Tomasz dann erklärt, dass man ein Kilo Schwein durch Einlegen in physiologischer Kochsalzlösung und Überdecken des wässrigen Geschmacks mit einer entsprechenden Menge an Gewürzen auf wundersame Weise in bis zu sieben Kilo Schinken verwandeln kann. Vielen Dank, Tomasz, für ein weiteres überzeugendes Argument, warum ich auch in Zukunft auf Fleisch verzichten werde!
So, und jetzt entschuldigt mich bitte, mein Essen wird welk.

Sonntag, 15. März 2009

Fragebogen zur Tagungsschläfrigkeit

Sie befinden sich auf der 35. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin in Goslar. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, in einer der folgenden Situationen einzunicken oder einzuschlafen?

Bitte bewerten Sie jede Frage auf einer Skala von 0 (unwahrscheinlich) bis 3 (sehr wahrscheinlich) und addieren Sie am Ende alle Ihre Punkte.

  1. Auf der Fahrt ins schöne Goslar, Abfahrt um 5.47 Uhr am Heidelberger Hauptbahnhof
  2. Während der Begrüßung durch den Tagungspräsidenten, Herrn Prof. Dr. von und zu Soundso (oder so ähnlich)
  3. Beim Mittagsbuffet
  4. Während des Auftritts der Big Band des Goslarer Ratsgymnasiums
  5. Beim Festvortrag des Bundesumweltministers über, öhm, irgendwas mit Verkehr und Umwelt?
  6. Fernsehraum der Jugendherberge nach dem Gesellschaftsabend mit Essens- und Getränkebuffet
  7. Beim Stadtbummel mit Kirchenführung, Orgelspiel und Reisesegen
  8. Während des 4. Vortrags im Themenblock „Tagesschläfrigkeit und Kraftfahreignung“ mit dem Titel „Hellwach am Steuer“

Vielen Dank für Ihre Teilnahme!

Auswertung:

0-9 Punkte:

Überraschenderweise besteht keine auffällige Tagungsschläfrigkeit. Sie sind entweder neu oder hochmotiviert, haben einen oder mehrere Vorträge zu halten, sind einer der Organisatoren oder der netten Damen an Empfang und Garderobe, haben sich in der morgendlichen Kaffeedosis gründlich verschätzt oder sich bei den Kaffeepausen zu oft nachgeschenkt, oder die Vitamine mit den Amphetaminen verwechselt.

10-12 Punkte:

Ihre Tagungsschläfrigkeit liegt im Grenzbereich. Sie ist eine ständige Gratwanderung zwischen erzwungen-wacher Höflichkeit mit dem nötigen aufgesetzten Interesse und dem Standby-Modus, in das sich Ihr Gehirn gerne runterfahren möchte. Sprechen Sie das Thema Tagungsschläfrigkeit bei Ihren Kollegen an, vielleicht gibt es einen passenden Workshop, den Sie gemeinsam besuchen können.

13-24 Punkte:

Was zum Teufel suchen Sie eigentlich auf einer Tagung?! Sie gehören nach Hause ins Bett! Begeben Sie sich direkt dorthin, gehen Sie nicht noch am Buffet vorbei und kommen Sie ja nicht auf die Idee, die Vortragenden

und interessierten Zuhörer mit leisem Schnarchen zu verunsichern. Ziehen Sie Tagungsbesuche erst wieder in Betracht, wenn Sie Ihre Tagungsschläfrigkeit in den Griff bekommen haben. Hören Sie endlich auf, die Reisemittel Ihrer Abteilung zu verschwenden.

Ähnlichkeiten zum ADAC-Fragebogen zur Tagesschläfrigkeit sind natürlich rein zufällig. Und eines der Photos ist selbstverständlich nur gestellt.